Psychostimulantien
Medikamente zur ADHS-Behandlung
ADHS: Welche Medikamente gibt es?
- Psychostimulantien
- Selektiver Noradrenalinhemmer
- Adrenerge Substanzen
- Antidepressiva
- MAO-Hemmer
- Dopaminerge Substanzen
Psychostimulantien
- Methylphenidat (Ritalin): hemmt selektiv den präsynaptischen
Transporter für Dopamin und Noradrenalin
- D-Amphetamin / Amphetaminsalze / Metamphetamin: Freisetzung
von Dopamin und Noradrenalin in den synaptischen Spalt
- Pemolin: hemmt den präsynaptischen Transporter für Dopamin
und Noradrenalin
Methylphenidat
- Präparate: Ritalin, Ritalin SR, Medikinet, Medikinet retard,
Equasym, Concerta
- hemmt selektiv den präsynaptischen Transporter für
Dopamin und Noradrenalin
- Dosis: Beginn mit 2 x 2,5 mg, wöchentliche Steigerung
um 5mg; übliche Tagesdosis: 5-60 mg bzw. 0,25-1 mg/kg/kg; >60 mg
selten sinnvoll
- Retard-Präparate: nach Einstellung auf unretardiertes MPH,
dann Beginn mit 18-20 mg, pro Woche + 18-20mg bis auf 60mg/d
- Tagesbedarf auftitrierend ermitteln, dann ev. Umstellung auf
Retardpräparat
Dosierung von Methylphenidat
- Mittlere Dosis bei nicht retardiertem Methylphenidat 0,8
mg/kg Körpergewicht
- bei retardierten Präparaten 1 mg/kg Körpergewicht
zum Vergleich MTA-Studie: 1,2 mg/kg Körpergewicht
- Es gibt keine Evidenz für eine Hochdosistherapie oder für
eine Gewichtsrelation bei der Dosierung.
- Die goldene Regel bei der Dosisfindung von MPH ist die
Titration.
Retardierte Präparate
Methylphenidat-Präparate mit verzögerter Freisetzung haben einige
Vorteile:
- Die Compliance ist bei einmal täglicher Einnahme allgemein
besser (Swanson 2003)
- Bei ADHS ist dadurch eine diskrete Medikamenteneinnahme am
Morgen möglich, wodurch eine Stigmatisierung entfällt
- Die Wirkung bleibt bis in die Nachmittagsstunden und bis zum
Ende des Dosisintervalls erhalten
- Titration ist ebenfalls möglich.
Evidenzbasierte Behandlung mit Stimulanzien
- Zahlreiche Studien und Metaanalysen sowie
Behandlungsempfehlungen zeigen die Wirksamkeit (American Academy
of Child and Adolescent Psychiatry 1997, 2002, Kutcher et al.
2004, MTA 1999, Schachter 2001, Farone et al. 2004, Deutsche
Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie 2003 und Fegert
et al[. Expertenkonsensuskonferenz Erlangen 25.3.2006] i
- Hohe Effektstärken , niedrige NNT im Schulalter
- Wenig Nebenwirkungen, gute Verträglichkeit
- Einsatz seit Jahren hohe Arzneimittelsicherheit
Atomoxetin (Strattera)
- Selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
- in Deutschland ab 6. LJ zugelassen
- Laut Studien vergleichbare Wirkung zu Stimulantien sowohl
auf unaufmerksam/ablenkbares als auch auf hyperaktiv/impulsives
Verhalten,
- Nachteil: Wirkbeginn erst nach 1 Wo, volle Wirkung ab
4.-6. Woche
- Vorteil: kein BtM
AWMF Leitlinien KJP (2006)
- Körperliche Untersuchung incl. RR und Puls
Anamnese:
- körperliche Belastbarkeit
- Episoden von Müdigkeit,
- Erschöpfung Brustschmerzen unter Belastung
- Herzerkrankungen
- Hinweise auf Anfallsleiden
Familienanamnese:
- plötzliche ungeklärte Todesfälle, Herzerkrankungen
Kontraindikationen nach den Leitlinien
Absolute Kontraindikationen:
- Schizophrenie
- Hyperthyroidismus
- Kardiale Arrhythmien
- Angina pectoris
- Glaukom
Relative Kontraindikationen
- Hypertension
- Depression
- Tics (Familienanamnese eines Tourette –Syndroms)
- Tiefgreifende Entwicklungsstörungen und geistige Behinderung
- Medikamenten-/Drogenmissbrauch
Verlaufskontrolle
- RR
- Pulsfrequenz
- Körpergröße und Körpergewicht
- Appetit
- Tics
- Affekt
- Bei gegebener Indikation auch apparative Kontrollen EEG und
EKG
Todesfälle unter Stimulanziengabe
Dieses mögliche Risiko habe eine vorläufige Durchsicht von 22
Millionen Gesundheitsakten ergeben:
- 25 plötzliche unerklärte Todesfälle unter Patienten, die
Psychostimulanzien einnahmen
- 18 Patienten davon mit Amphetaminsalzen 8 mit MPH (eine
Doppelgabe).
- Von den 19 Kindern (< 18 J.) erhielten 12 Jungen (>5 J.)
Amphetamine und 7 Kinder MPH (3 retardiertes MPH und 4
unretardiertes). Komedikation wurde nicht systematisch erfasst
und diskutiert.
- Nur bei den über 40-jährigen Patienten, die den Jugendlichen
gegenübergestellt wurden, traten relativ mehr Ereignisse auf
(Achtung: sehr kleine Fallzahlen).
Drug safety advisory
Am 9. Februar 2006 beschloss eine Expertenkommission für
Arzneimittelsicherheit der US-amerikanischen Aufsichtsbehörde [Drug
Safety Advisory Panel to the Food and Drug Administration (FDA)],
eben dieser Behörde zu empfehlen,
dass den Psychostimulanzienpräparaten schriftliche Warnungen
(black box warning) beizulegen seien, dass
diese Medikationen das Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt und
schwerwiegende kardiale Arrhythmien bei Kindern,
Jugendlichen und Erwachsenen erhöhen können.
Reales Risiko
- Die Rate der plötzlichen unerklärlichen Todesfälle (sudden
unexplained death) überschritt nie die Prävalenz von 1 zu
1.000.000, diese Rate ist niedriger
als in der Allgemeinbevölkerung.
- Plizska (2005) (Erstautor der amerikanischen Leitlinien)
Übersicht zu MPH Ereignisraten: 0,19 plötzlichen Todesfällen :
100.000 Patientenjahren im Vergleich zu 1,3 – 8,5 : 100.000
Patientenjahre in unausgelesenen, altersgemischten Stichproben
Nebenwirkungserfassung (nach Barkley)
- Probleme beim Einschlafen und andere Schlafstörungen
- Alpträume
- Starrt ins Leere, Tagträume
- Spricht wenig mit anderen
- Interessiert sich wenig für andere
- wenig Appetit
- empfindlich und reizbar
- Magenschmerzen
- Kopfschmerzen
- Schwindel
- Ist traurig; weint schnell
- ängstlich
- Kaut exzessiv Fingernägel
- Ist über die Maßen fröhlich oder euphorisch
- müde
- nervöse Zuckungen, Tics
- Haarausfall
Nebenwirkungen im Langzeitverlauf
Exposition über 6 Jahre bis in die frühe Adoleszenz:
- Kein nennenswerter Effekt auf Puls und Blutdruck
- Das Gewicht war im 3 Jahresverlauf geringer aber nicht mehr
am Ende des 6 Jahres Zeitraums
- Wachstumsverminderungseffekt
Komedikation
- GEK Arzneimittelreport, Jungen 6 - <15 (Fegert et al. 2002)
- Komedikation n = 255 8,24 % der Jungen mit Stimulantien
erhielten weitere Medikamente
- 0,27% der Gesamtpopulation Jungen in dieser Altersgruppe
Valproat / andere Antiepileptika 0,8%
- Benzodiazepine / andere nicht pflanzliche Sedativa 0,78%
- Antidepressiva 1,13 %
- Antipsychotika/Neuroleptika 2,2%
- Pflanzliche Medikamente 3,1%
Stimulantien
Insgesamt hochwirksame Medikamente
Sehr negatives Image, stigmatisiert (auch ein Problem
der Eltern)
Kein unkritischer Einsatz (Hausarzt, Kinderarzt)
Problematische Indikation
© Thorsten Löll ,
Psychopharmakotherapie, ZAP 11/08